Abends in Noyers-sur-Serein

Stille Tage im Burgund

Weihnachtliche Auszeit zwischen Chablis und Dijon

Aus dem Norden führt der Weg ins französische Burgund meist über Nancy. Bisher sind wir, aus Deutschland kommend, immer daran vorbeigefahren – welch ein Fehler!
Die sehenswerte mittelalterliche Altstadt, das Renaissance-Viertel Charles III, das Musée des Beaux Arts mit Ausstellungen von internationalem Rang, der Marché Central, die vielen kleinen Geschäften abseits der üblichen Kettengiganten – zusammengenommen lohnt das eine Extrareise, egal zu welcher Jahreszeit.

Nancy braucht sich nicht zu verstecken
Nancy braucht sich nicht zu verstecken© ferienwohnungen.de

Zu Weihnachten aber ist Nancys Attraktion schlechthin das klassizistische städtebauliche Ensemble Place Stanislas.

Place Stanislas in Nancy
Place Stanislas in Nancy© ferienwohnungen.de

Dem polnischen König Stanislas Leszczyński, der im 18. Jahrhundert König von Lothringen war, verdankt die Hauptstadt des Departements Meurthe-et-Moselle dieses besondere Erlebnis klassizistischer Architektur, das zu recht UNESCO-Welterbe ist. Wir setzen uns in eines der Straßencafés, die erstaunlicherweise geöffnet sind und stoßen auf Stanislas und seine Architekten an.

Im Slow-Travel-Tempo erreichen wir am nächsten Mittag Chablis. Mit seinen kopfsteingepflasterten Gassen ist das Dorf, das der Region seinen Namen gab, ein Kleinod traditionaler Baukunst. Wie die meisten burgundischen Dörfer trägt Chablis dezenten Weihnachtsschmuck: festlich aber kitschfrei. In einer winzigen Gasse am Dorfrand liegt unser Gîte, was in diesem Fall ein ganzes Haus meint: außen von morbidem Charme, innen respektvoll modernisiert. Die Gastgeber sind Winzer – mehr Klischee geht nicht. Von „Chez Cathy“ aus sind es keine fünf Gehminuten zum (preisgekrönten!) Bäcker, Metzger und berühmten Sonntagsmarkt. Der Wein „unserer“ Winzer ist ein guter Einstieg. Doch möchten wir auch „fremdtesten“. Bei einer Weinprobe im „S. Chablis“ treffen wir auf einen relaxten Caviste (ich weigere mich, dies unzureichend mit „Weinhändler“ zu übersetzen) ohne elitäres Getue, großzügig und mit Humor.

Chablis mit seiner Brücke über den Serein
Chablis mit seiner Brücke über den Serein© ferienwohnungen.de

Es ist diese Mischung aus heiterer Gelassenheit und innerer Ruhe (französisch: „serein“), die man hier findet und die auch dem Fluss Serein, der durch Chablis fließt, seinen Namen gab. Seine Ufer laden zum Nachdenken, Schauen und Träumen ein, vor allem am überdachten Waschplatz, gleich am Ortseingang. An solchen Waschplätzen (lavoirs) konnten Frankreichs Frauen seit Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur arbeiten, sondern auch ungestört reden (Männern war der Zutritt verboten!).
Die meisten lavoirs stehen inzwischen unter Denkmalschutz. Von Chablis aus lassen sie sich auf einem Rundweg erkunden.

Lavoir am Serein
Lavoir am Serein© ferienwohnungen.de

Für unser geplantes Weihnachtsessen haben wir uns in Saint-Bris-le-Vineux eingedeckt, das jedes Jahr um diese Zeit für zwei, drei Tage im Zeichen des festlichen Genusses steht. Käse kaufen wir auf dem in Sichtweite zum Schloss gelegenen Markt in Ancy-le-Franc.

Markttag in Ancy-le-Franc
Markttag in Ancy-le-Franc© ferienwohnungen.de

Für die unverzichtbaren Schnecken stehen wir geduldig beim Metzger Schlange, den Rest besorgen wir im Supermarché von Tonnerre. Unser anschließender Gang durch die Stadt hat nur noch ein Ziel: die Quelle „Fosse Dionne“, einst keltische Kultstätte und seit 1759 profaner Waschplatz. Obwohl mitten im Stadtkern gelegen, ist die Quelle ein Ort der Stille, wo wir allein sind mit unseren Spiegelbildern.

Am Ausgang des Quellbeckens der „Fosse Dionne“
Am Ausgang des Quellbeckens der „Fosse Dionne“© ferienwohnungen.de

Am ersten Weihnachtstag wird es vollends ruhig im Burgund: Schlösser, Museen und Klöster – alle Sehenswürdigkeiten sind fermé (geschlossen). Alle? Das ehemalige Zisterzienserkloster von Fontenay und seine Gärten sind unser weihnachtliches Gallien. Will sagen: am 25.12. geöffnet. Mit einer Handvoll anderer Besucher teilen wir eine festliche Stimmung, die sich in den sonnigen Gärten und sakralen Gebäuden nicht falsch anfühlt.

Weihnachtszeit im Burgund - In der Altstadt von Dijon
In der Altstadt von Dijon© ferienwohnungen.de

Dijon dagegen entspricht dem, was der durchschnittliche japanische Reisende erwartet: die Stadt glänzt in Bilderbuch-Romantik, im Mittelpunkt der unvermeidliche Weihnachtsmarkt.
Wir sind vor allem wegen Dijons Markthalle hier, ihrer Architektur im Pariser Stil des 19. Jahrhunderts, und wegen des besten aller Senfe. In der Halle finden wir wenige, aber überaus hilfsbereite Markthändler. Und weil zur fortgeschrittenen Mittagszeit die französischen Bistrots rings um die Halle schließen, stärken wir uns mit guter Hausmannskost in einer freundlichen spanischen (!) Auberge. Erst dann gehen wir zu Edmond Fallots „Moutarderie“, wo wir viel Geduld brauchen, denn dass Fallots Senf besonders ist, scheint sich bis Japan herumgesprochen zu haben … Entspannter ist ein Besuch von Fallots Hauptsitz in Beaune.

Beaune ist nur einen Katzensprung von La Bussière entfernt, einem winzigen Örtchen im ruhigen Tal der Ouche, wo wir uns für eine weitere Woche niedergelassen haben. Um diese Jahreszeit haben wir das berühmte “Hospiz“ des Ortes fast für uns allein und damit Zeit für eine Besichtigung ohne Geschiebe.

Hospices de Beaune
Hospices de Beaune© ferienwohnungen.de

Aufregend: die unzähligen Glas- und Faïencebehältnisse in der Pharmacie mit abenteuerlichsten Inschriften und Inhalten, das Raumerlebnis im Krankensaal wie auch die Werke des flämischen Malers Rogier van der Weyden, für die ein Extra-Raum eingerichtet ist.
Beim Bummel durch die menschenleeren Gassen Beaunes entdecken wir in einem Hinterhof unerwartet eine Skulptur von Salvador Dalí. Die dazugehörige private Sammlung „Dalineum“ ist erst wieder im neuen Jahr zu besichtigen.

Salvador Dalí in Beaune
Salvador Dalí in Beaune© ferienwohnungen.de

Die Abende unserer Weihnachtszeit im Burgund verbringen wir am Kamin(ofen). Begleitet werden wir dabei von „France Musique“, einem Radiosender, der wechselweise Klassik und Jazz bringt. Tagsüber geht’s ins Gelände: wir wandern einen Rundweg zum „Cirque du Bout du Monde“, von dem wir knapp die Hälfte sehen – der Rest liegt im Nebel. Bei strahlender Sonne machen wir am Canal de Bourgogne Picknick.

Am Canal de Bourgogne bei Flavigny
Am Canal de Bourgogne bei Flavigny© ferienwohnungen.de

Wir besuchen reiseführertreu Postkarten-Idyllen wie Chateauneuf (winziges Schloss mit Charme) oder Flavigny, dessen neu geteerte Straßen sich antagonistisch durch das mittelalterliche Ortsbild schlängeln sowie die nahe gelegene Quelle der Seine. Was immer man hier sucht: den (zweifellos existierenden) Mythos des Flusses, der Franzosen mindestens ebenso viel bedeutet wie den Deutschen der Rhein, findet man hier nicht.

Lage der Region Burgund in Frankreich
Lage der Region Burgund in Frankreich© ferienwohnungen.de

Wie der Place Stanislas und die Abtei von Fontenay sind auch die Weinberge der Côte d‘Or UNESCO-Welterbe, weshalb „Essen und Trinken“ zum exponierten Programmpunkt erklärt wird. Kochen macht im Burgund richtig Spaß, Essengehen aber auch. Der Bonus in La Bussière-sur-Ouche: ein Restaurant in einem ehemaligen Kloster, das die englische „Times“ zu den 20 besten in Frankreich zählt. Fatalerweise nur wenige Schritte von unserem Domizil entfernt …
Ja, es ist teuer. Die gute Nachricht: Wer sein Portemonnaie nicht überstrapazieren will, erhält im „Bistrot des Moines“ zur Mittagszeit bereits für knapp 30,00 € ein 3-Gänge-Menü. Wir können nicht widerstehen und reservieren einen Tisch.

Abbaye de la Bussière
Abbaye de la Bussière© ferienwohnungen.de

Eigentlich wollten wir nach dem Essen mit dem Packen beginnen. Doch stehen wir noch lange unter dem Eindruck dieses außerordentlichen kulinarischen Ereignisses … bis es irgendwann ausgesprochen wird: sollen wir verlängern?
Gut, dass Vermieter um diese Jahreszeit flexibel sind!

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