Geschafft! Nach mehr als 25km durch den Nationalpark Urho Kekkosen.

Winterurlaub im finnischen Lappland

Skilanglauf im waldreichen hohen Norden von Finnland

Wem auch immer wir erzählen, schon einmal Winterurlaub in Lappland gemacht zu haben, … fast jeder zeigt sich erstaunt über dieses für uns Mitteleuropäer doch recht ungewöhnliche Ziel.
Auch ich war bei dem Gedanken an diese nördlichen Gefilde recht skeptisch. Die vermeintliche Kälte und die möglicherweise auch sehr kurzen Tage dort oben, nördlich des Polarkreises, ließen uns immer wieder zögern. Irgendwann bei der Recherche im Internet fand ich jedoch ein höchst interessant klingendes Angebot: eine Woche Langlaufurlaub unter schweizerischer Profibegleitung. Damit war der Bann gebrochen.

Blockhütten-Dorf bei Kakslauttanen
Blockhütten-Dorf bei Kakslauttanen© ferienwohnungen.de

Ein erster Blick auf die Landkarte zeigte schon, wie hoch oben im Norden unser Ziel liegen würde und wie dünn besiedelt die Gegend sein musste. Denn selbst Saariselkä, der Platz, an dem wir nächtigen sollten, war zu finden. Dabei besteht er, wie wir später vor Ort feststellten, aus nicht mehr als einem Hotelkomplex mit einer Ansammlung von Blockhütten und diversen Iglus. Diese waren teils herkömmlich aus Eis mit einer Innenraumtemperatur von konstant minus fünf Grad, oder komfortabel beheizt als Glasdachiglu, in denen sich im Winter das Nordlicht und im Sommer die Mitternachtssonne bewundern lässt. Gemacht für Touristen, die dieses Ziel über eine der Nordkap-Routen oder den Flughafen Ivalo, eine Stunde nördlich davon, erreichen können. Eine jeden Winter aufs Neue erbaute Eiskathedrale verspricht Heiratslustigen hier den besonderen Kick für ihr Ja-Wort.

Karte von Finnland mit Lappland
Karte von Finnland mit Lappland© ferienwohnungen.de

Trainingsorientierten Langläufern bietet die Region auf mehr als 200 km gespurten Loipen schon ab Oktober ideale Bedingungen. Saariselkä mit seinem großflächigen Trainingsgebiet hat sich schon vor Jahrzehnten zu einem Skizentrum für Nationalmannschaften aus aller Welt entwickelt.

Wir wählten einen Flug mit Stop-over in Helsinki, um bei dieser Gelegenheit auch einen kurzen Blick auf die finnische Hauptstadt werfen zu können. Dann geht es weiter in den hohen Norden.

Dass wir bei Rovaniemi den nördlichen Polarkreis überfliegen ist dem Piloten keine Erwähnung wert, auch wenn dies für uns Mitteleuropäer fast eine Demarkationslinie darstellt. Markiert er doch die Grenze zum Land der Mitternachtssonne im Sommer sowie der sonnenlosen Tage im Winterhalbjahr.

Ende März sind die Tage jedoch schon längst erwacht, und es geht mit großen Schritten dem Sommer entgegen. Die Temperaturen, vor 6 Wochen noch bei -22°C, sind im angenehmen Plusbereich. Das macht das Langlaufen zwar angenehm, aber in der Klassikloipe nicht einfach. Denn nachts gefriert, was tags taut, und dass macht die Loipenspur im Laufe der Woche streckenweise zu einer Eisfläche, auf der zwei Schritte vor locker auch einen Schritt zurück bedeuten.

Loipe zwischen Kakslauttanen und Saariselkä
Loipe zwischen Kakslauttanen und Saariselkä© ferienwohnungen.de

Für den sportiven Tagesablauf ist uns die Wärme durchaus angenehm. Da macht es gar nichts, wenn bei unserer Einstiegsrunde am ersten Nachmittag aus den geplanten 6 km hin und 6 km zurück letztendlich 18 km werden. Es zeigt jedoch, dass uns an den kommenden Tagen wohl keine Spaziergänge erwarten.

Was bei der sportiven Lebensgeschichte unseres „Chefs“ kein Wunder ist. Schließlich läuft er den Engadin-Marathon bei sich vor der Haustüre immer noch jedes Jahr mit, auch wenn seine aktive Zeit in der Nationalmannschaft schon lange zurückliegt und er mittlerweile sein Wissen und Können im Langlaufunterricht sowohl an Amateure als auch Profis weitergibt.

Loipe beim Anstieg zum Berg Kiilopää
Loipe beim Anstieg zum Berg Kiilopää© ferienwohnungen.de

Der nächste Tag führt uns nach Saariselkä, dem Zentrum der Langlaufregion mit entsprechender Infrastruktur. Hier gibt es etliche Hotels, Restaurants und Skiverleih. Und natürlich jede Menge private Mökkis, die eigentlich fast nichts mehr zu tun haben mit der ursprünglichen Bezeichnung für eine schlichte Ferienhütte. Denn teilweise handelt es sich um sehr großzügig gebaute Holzhäuser mit gutem Komfort, die locker verstreut in mehreren Siedlungen um den Ortskern herumliegen.

Bis hierher führt uns eine breite Loipenspur, nicht unähnlich einer Autobahnpiste, breit gewalzt fürs Skating mit Gegenverkehr und beidseitig flankiert durch zweispurige Klassikspuren. Diese Strecke ist auch beleuchtet, was in den langen Wintermonaten durchaus von Vorteil sein mag. Wir hingegen genießen die Sonne schon bis abends halb neun. Auch wenn sie uns aufgrund ihres niedrigen Standes oft schon am frühen Nachmittag glauben lässt, es würde bald die Dämmerung einbrechen.

Überhaupt ist es das Licht, das uns am meisten fasziniert. Ebenso wie man dem mediterranen Licht Besonderheit zuweist, empfinden wir hier oben im Norden eine mystische Stimmung. Auf vielen Kilometern ist kein Haus und keine Straße sichtbar, nur Natur und eine Landschaft, die eigentlich unspektakulär ist. Und trotzdem entwickelt sie mit der Zeit einen ganz eigenen Zauber, dem zu widerstehen schwerfällt.

Warnhinweis an der Loipe Abfahrt von Berg Kiilopää
Warnhinweis an der Loipe Abfahrt von Berg Kiilopää© ferienwohnungen.de

Mal führt uns die Spur durch Täler mit kleinen Bächen, mal steigen wir geruhsam bergauf und gleiten dann ewig durch Baum und Strauch bergab. Mal möchte man meinen, man könne von kahlen Bergrücken aus über glänzenden Firn bis zum Nordkap blicken. Weitläufig erstreckt sich das sanfte Hügelland bis zum Horizont, ohne wesentliche Landmarken. Lediglich bedeckt mit losem Baumbestand aus Kiefer, Fichte und der den Frösten noch beständigeren Birke, die selbst da noch wächst, wo die Nadelhölzer ihren Existenzkampf aufgegeben haben. Die Schneedecke ist auch jetzt Ende März nur begehbar mit Skiern oder Schneeschuhen, und sie versteckt die wahren Charakterpflanzen vor unseren Augen. Flechten und Moose, die sich mit dicken Polstern im lichten Wald ausbreiten, und in deren Begleitung sich im Sommer für eine kurze Zeitspanne Pilze und Beeren wohlfühlen.

Hüttenromantik bei Lutto direkt an Loipe
Hüttenromantik bei Lutto direkt an Loipe© ferienwohnungen.de

Jetzt im Winter genießen wir andere Gaben der Natur beim Einkehrschwung, der so ganz anders ist wie wir es von den Alpen her kennen. Besonders Kuukkelilampi wird uns in Erinnerung bleiben. An einem kleinen See gelegen bietet diese Hütte ein willkommenes Schmankerl finnischer Art: kleine Fische werden auf dem Wenderost über einem offenen Feuer mitten in der dunklen Hütte gegrillt. Und drum herum sitzen auf Holzstämmen und provisorischen Bänken die Einkehrer einmütig schweigend mit ihrer dampfenden Teetasse in der Hand.

Fische auf einem Wenderost direkt über dem offenen Feuer
Fische auf einem Wenderost direkt über dem offenen Feuer© ferienwohnungen.de

Auf der Fensterbank schnitzt ein bärtiger Finne Vogelgestalten scheinbar im Akkord, denn in ganz unterschiedlichen Formen hängen sie massenhaft von der Decke herab. Es ist ruhig und beschaulich und vor allem warm, und als Nachtisch gibt es noch Pfannkuchen, sodass wir nur schweren Herzens Abschied nehmen von dieser Oase mitten im Nichts.

Eine andere Besonderheit lernen wir am letzten Tag kennen, als wir in Laanihovi einkehren. Schon Tage zuvor waren wir hier vorbeigekommen und hatten am helllichten Nachmittag hunderte von Skiern vor der Türe stehen sehen. Das dichte Gedränge innen hat uns neugierig werden lassen. Hier wird zum Tanz geladen, bei Livemusik ab viertel vor zwei. Das wollten wir uns nicht entgehen lassen und sind rechtzeitig vor Ort.

Tango beim Winterurlaub in Lappland

Tatsächlich finden sich immer mehr Langläufer ein je näher der Zeitpunkt kommt. Als ob sie schon sehnlich darauf gewartet haben, sich endlich im Walzer-, Tango- oder Cha-Cha-Cha-Schritt wiegen zu können.
Ob mit Langlaufschuhen an den Füßen oder dem Rucksack auf dem Rücken, egal, es wird getanzt sobald der erste Ton erklingt. Von Tanzfaulheit keine Spur! Wir lernen, dass für den Finnen neben dem Wintersport auch der Tanzsport eine ernstzunehmende Disziplin sein muss. Der melancholische Tango passt zu ihrer Mentalität, auch wenn er hier teilweise Marschcharakter aufweist. Zwischendurch war das Interesse für einige Jahre abgeflaut gewesen, aber mittlerweile boomt das Tangotanzen wieder. Vor allem in Helsinki entsteht eine Tanzbar nach der anderen.

Mit dem Tango lässt sich vielleicht auch die finnische Mentalität besser verstehen, die wir in den vergangenen Tagen nur ansatzweise erahnten. Zum Beispiel bei der doch sehr überraschenden Äußerung eines Finnen ein paar Tage zuvor. Auf meine Bemerkung, ich spreche kein finnisch, meinte er doch tatsächlich, es lohne sich nicht, dies zu lernen. Mag sein, dass diese Sprache nur von wenigen Menschen auf dieser Welt gesprochen wird. Mag sein, dass sie einfach strukturiert ist und für unsere Ohren schwer verständlich ist mit ihren vielen Vokalen und Umlauten. Doch für einen Urlaub lohnt es sich allemal, wenigstens grundlegende Redewendungen zu können.

Denn wie überall öffnet man auch dort die Herzen der Einheimischen, wenn man ihre Sprache spricht, und in der Sauna wird selbst der Ernsthafteste gesprächig. Nicht am Tresen, wie häufig proklamiert wird, sondern hier scheint der Finne zu finden zu sein. Wo Melancholie einer tiefen Zufriedenheit weicht.

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