Montenegro: Panoramastraße zur Bucht von Kotor

Sabbatical im Sattel

Mit dem Fahrrad von Mecklenburg-Vorpommern nach Mexiko – Teil 5: Balkan

Europa grenzenlos – oder doch nicht so offen und frei?
Vom Radeln durch die Länder des Balkan

Wahnsinn, das haben wir noch nie erlebt. Ohrenbetäubend faucht der Wind und rüttelt unser Zelt durch. Wind haben wir gesagt? Sturm trifft es genau. Mitten in der Nacht sitzen wir in Kroatien im Zelt und checken den Wetterbericht. Fallwinde an der Küstenstraße, richtig heftig. Genau dort steht unsere Stoffhütte. Und wir waren so erfreut über unseren versteckten wilden Zeltplatz. War wohl doch keine gute Idee, die lange Reise mit dem alten Zelt anzutreten … Aber fangen wir mal lieber von vorn an.

28. März 2023: Verschlafen steigen wir in Frankfurt morgens aus dem Flugzeug. Landen sollten wir schon gestern. Doch es kam der Streik dazwischen. Viele Flüge wurden gecancelt oder umgeleitet, unser Flug verschoben. Den Anschlussflug werden wir trotzdem erreichen.

Vergeblich warten wir am Gepäckband auf unsere vier großen Taschen. Die Räder sind nicht beim Sperrgepäck. Was ist, wenn unsere ganze Habe in Honululu gelandet ist? Der Nette Mitarbeiter vom Sperrgepäck findet den Fehler. Unser ganzes Zeug wurde gleich zum Anschlussflug durchgecheckt. Genau das wollten wir vermeiden. Wir wollten zumindest nochmal die Radkartons prüfen. Und nun?

Wir sollen uns bei der Fluggesellschaft des Anschlussfluges melden. Und die will unsere Räder nicht befördern, weil sie nicht bezahlt sind. Wir zücken die Rechnung des Reisebüros. Schwarz auf weiß: Zwei Räder sind beglichen. Freundlich, aber bestimmt erklärt man uns, dass wir nochmal Kohle rausrücken müssen, oder die Räder bleiben in Frankfurt. Die Zeit drängt. Zähneknirschend zücken wir die Kreditkarte. Und steigen kurz vor Mitternacht wieder aus dem Flieger. Mit einem mulmigen Gefühl. Wo sind unsere Siebensachen? Tatsächlich auf dem Gepäckband und beim Sperrgepäck. Sofort schrauben wir die Räder zusammen und suchen uns einen Schlafplatz im Flughafen. Im ersten Morgenlicht radeln wir wieder auf unserem Heimat-Kontinent: Wir sind in Athen.

Athen Flughafen - die Räder sind startklar
Athen Flughafen – die Räder sind startklar© ferienwohnungen.de

Griechenland

Vier Tage nehmen wir uns, um die Zeitumstellung zu verdauen. Und die Ankunft in einer gänzlich anderen Welt. Wir genießen das gute Essen, laufen zur Akropolis, lassen die Räder checken, finden eine Flagge fürs Fahrrad.

Athen - Blick von der Akropolis
Athen – Blick von der Akropolis© ferienwohnungen.de

Doch auch mitten in der griechischen Hauptstadt gibt es sie, die Viertel der Armen. Die im Abfall nach Brauchbarem suchen und deren Nachtlager aus Pappe und Lumpen besteht. Die ihre kleinen Kinder zum Betteln schicken. Nur ein paar hundert Meter weiter flanieren Touristen, nichtsahnend von der Misere hinter der nächsten Ecke.

Balkan: Athen - unter blühenden Orangenbäumen
Athen – unter blühenden Orangenbäumen© ferienwohnungen.de

Einfacher als gedacht lassen wir die Großstadt hinter uns und setzen mit der Fähre zur Insel Salamina über. Endlich wenig Verkehr und wunderbare Aussichten auf Berge und Meer. Dass die griechischen Autofahrer recht zügig unterwegs sind, ist für uns nach Mexiko gewöhnungsbedürftig. Aber sie rücken uns nicht zu dicht auf die Pelle.

Wir schippern wieder zum Festland und schon ist es vorbei mit entspanntem Radeln. Wind aus der falschen Richtung, Regen und ordentliche Steigungen. Völlig durchnässt erreichen wir den ersten Campingplatz. Zum Glück war das schlechte Wetter ein Ausrutscher. Bei Sonne geht es weiter über Korinth und Patras nach Kyllini.

Korinth
Korinth© ferienwohnungen.de

Inselhopping steht auf dem Programm. Die Fähre bringt uns nach Zakynthos, der südlichsten Ionischen Insel. Einfach traumhaft hier. Doch gleich die Ernüchterung. Zakynthos hält noch Winterschlaf. Alle Campingplätze geschlossen, die Fähren verkehren noch nicht zwischen den Inseln. Erst im Juni beginnt die Saison.

Balkan: Camping auf Zakynthos
Camping auf Zakynthos© ferienwohnungen.de

Trotzdem dürfen wir auf einem Campingplatz unser Zelt aufstellen. Der Besitzer kommt aus Österreich und hat ein Herz für Radreisende. Extra für uns putzt er ein Sanitärgebäude. Unser Zelt steht unter uralten knorrigen Olivenbäumen. Wir blicken auf das tiefblaue Meer mit einer kleinen Felseninsel, die sogar einen Namen hat: Marathonisi.

Balkan: Blick auf die Insel Marathonisi
Blick auf die Insel Marathonisi© ferienwohnungen.de

Nach einer Insel-Rundtour treten wir den Rückzug zum Festland an und kurbeln zurück nach Patras. Von hier gehen Fähren in Griechenlands Norden und weiter nach Brindisi, Süditalien.

Ehrlich gesagt war Athen unser Plan B. Wir wollten nach Sizilien. Doch einer Fluggesellschaft waren unsere Radkartons 8 cm zu lang, die andere konnte uns nur über London schicken mit kompliziertem Flughafenwechsel. Mit so viel Gepäck? Kam nicht in Frage.

Von Brindisi können wir nach Sizilien radeln, und vorher in Nordgriechenland einen Stopp einlegen. Denken wir. Der Fährhafen in Patras ist abgeriegelt wie ein Hochsicherheitstrakt. Nordgriechenland wird angesteuert, doch niemand darf die Fähre verlassen. Sie schippert gleich weiter nach Bari, Italien. Alle Fähren nach Brindisi sind gecancelt. Warum, können wir nur vermuten.

Italien

Kurzentschlossen kaufen wir Tickets für Bari und begraben unseren Traum von Sizilien. Dann radeln wir eben in den Nationalpark bei Bari. Bari erreichen wir bei bestem Wetter. Wie auf Zakynthos sind noch alle Campingplätze an der Küste zu. Einen finden wir 20 km entfernt im Inland.

Bunte Wiesen bei Bari
Bunte Wiesen bei Bari© ferienwohnungen.de

Am nächsten Tag beginnt mehrtägiger Dauerregen. Den Nationalpark schlagen wir uns aus dem Kopf. Die Italiener sind, genau wie die Griechen, unglaublich freundlich zu uns. Sie sehen die deutsche Fahne am Rad und sprechen uns an. Freuen sich, dass wir auch mit ihrer Landesfahne radeln. Sie bieten uns Hilfe an und erzählen von ihren Arbeitsjahren in Deutschland.

Regen in Italien - Bari
Regen in Italien – Bari© ferienwohnungen.de

Einmal winkt ein Mann vom Balkon. Wir glauben nicht, dass er uns meint. Doch seine Frau kommt aus der Haustür geflitzt und schenkt uns Kekse. Das schlechte Wetter ist sofort versüßt. In Bari treffen wir einen Radfreund aus Lübeck. Er radelte von Bozen gen Süden. Hatte unglaublich viel Regen und flüchtete fast jeden Abend in ein Hotel. Auch weil die Campingsaison erst Pfingsten beginnt.

Tatsächlich scheint wenigstens an diesem Tag die Sonne. Wir müssen eine Entscheidung treffen. In Italien nach Norden radeln, wo die Campingplätze noch zu und Zimmer teuer sind? Wir radeln zum Fährhafen und siehe da, es geht eine Fähre nach Albanien.

Balkan: Auf der Fähre nach Albanien
Auf der Fähre nach Albanien© ferienwohnungen.de

Albanien

Schon am nächsten Morgen trinken wir in Durrës leckeren albanischen Kaffee. Sofort kümmert sich ein netter Albaner um uns. Er spricht nicht englisch, aber ausgezeichnet deutsch. Er zeigt uns stolz seine Stadt, unter anderem ein antikes Amphitheater. Und eine Flagge für unser Rad besorgt er auch.

Albanien: Durrës Amphitheater
Albanien: Durrës Amphitheater© ferienwohnungen.de

Noch am gleichen Tag radeln wir in die Hauptstadt Tirana. Albanien ist im Aufbruch. So ist unser Eindruck von dem kleinen Balkan-Land. Zwar müssen wir manchmal Slalom fahren, um den Löchern im Asphalt auszuweichen. Und Müll wird achtlos entsorgt. Doch an allen Ecken wird neu gebaut oder ausgebessert.

Balkan: Tirana Skanderbeg-Platz
Tirana Skanderbeg-Platz© ferienwohnungen.de

Die Landschaft ist schön und die Albaner fragen uns aus. Natürlich wieder mal in unserer Landessprache. Sie sind stolz auf ihren leckeren Kaffee, den man überall günstig bekommt. Und sie freuen sich, dass wir um ihr Land keinen Bogen machen. In einem kleinen Dorfladen schenkt uns die Verkäuferin Pralinen, als sie unsere voll beladenen Räder sieht. Unter Radreisenden ist Albanien kein Geheimtipp mehr. Wir treffen zwei junge Dänen, eine Familie aus Neuseeland, Franzosen, Niederländer und unsere Landsleute.

Balkan: Hinter Tirana treffen wir zwei Dänen
Hinter Tirana treffen wir zwei Dänen© ferienwohnungen.de

In Shkodra erklimmen wir die Burganlage. Der Ausblick über den Skadarsko See und die Berge bis nach Montenegro ist traumhaft. Dann verlassen wir das kleine Albanien schon wieder. Nicht ohne zu versprechen, dass wir wiederkommen. Wir haben zu wenig gesehen von diesem einzigartigen Land. Und sind neugierig, wie es sich in den Bergen wandert.

Balkan: Blick von Burg Shkodra auf Skadarsko See
Blick von Burg Shkodra auf Skadarsko See© ferienwohnungen.de

Montenegro

Die Grenze zu Montenegro ist schnell erreicht. Der Einreisestempel saust in unsere Pässe, eine Rarität im vereinten Europa. Wir haben uns für die Route durchs Inland entschieden, über die Hauptstadt Podgorica. Auf dem Weg nach Cetinje – hier ist der Amtssitz des Präsidenten – geht es in die Berge, stellenweise ordentlich steil. Die Straße hat keinen Seitenstreifen und die Autofahrer sind fix unterwegs. Manchmal kommen sie uns bedenklich nahe. Werner montiert eine Fahne als „Abstandshalter“.

Balkan: Bergetappe in Montenegro
Bergetappe in Montenegro© ferienwohnungen.de

Hinter Cetinje geht es auf 1060 m Höhe. Faszinierende Ausblicke entschädigen uns für die Kraxelei. Aber dann wird es spektakulär. Plötzlich blicken wir auf die Bucht von Kotor. Aus schwindelerregender Höhe. Auf der Panoramastraße geht es in 25 Serpentinen runter zum Wasser. In jeder Kurve hätten wir stoppen können, um den unglaublichen Ausblick festzuhalten. Es war nicht die steilste, aber längste Abfahrt. Vom Bremsen schmerzen uns die Hände. Tatsächlich will ein deutscher Radler noch abends die Serpentinen bezwingen und mit Blick auf die Bucht zelten.

Montenegro: Blick auf die Bucht von Kotor
Montenegro: Blick auf die Bucht von Kotor© ferienwohnungen.de
Montenegro auf dem Balkan: Serpentinen-Panoramastraße zur Bucht von Kotor
Montenegro: Serpentinen-Panoramastraße zur Bucht von Kotor© ferienwohnungen.de

Der nächste Staat ist in greifbarer Nähe. Die Grenze zu Kroatien liegt auf einem Pass. Mit einem Blick zurück ins Tal verabschieden wir uns von Montenegro, seinen netten Menschen und schroffen Bergen.

Balkan: Kirche gleich hinter der Grenze zu Kroatien
Kirche gleich hinter der Grenze zu Kroatien© ferienwohnungen.de

Kroatien

„Nehmt bitte sofort die Flagge von Montenegro ab, wenn ihr keinen Ärger haben wollt.“ Mit dieser Ansage werden wir vom kroatischen Grenzbeamten begrüßt. Auf den ersten Blick ist klar: Kroatien ist eine ganz andere Nummer. Reicher, teurer, aufgeräumter, EU-Staat. Die Menschen sind etwas verschlossen. Essen im Restaurant ist kaum erschwinglich, genau wie die modernen Campingplätze an der Küste. Wozu eine günstige Zeltwiese? Der Radler oder Wanderer muss einen Stellplatz mieten, auf dem auch ein Wohnmobil Platz hat.

Die meisten Wohnmobile sind aus Deutschland. Wir fühlen uns fast wie zu Hause und wollen es gar nicht. Kroaten verbringen ihren Urlaub woanders. Die Küste ist ein Traum. Das Wasser, grün und tiefblau schimmernd, erinnert an die mexikanische Karibik. Nur den feinen karibischen Sand gibt es hier nicht. Wir schütteln ihn übrigens immer noch aus unserem Zelt.

Kroatien: Adriaküste fast wie in der Karibik
Kroatien: Adriaküste fast wie in der Karibik© ferienwohnungen.de

Unzählige Inseln ragen aus dem Meer. Bewohnt oder nur mit einem Leuchtturm oder einer Kapelle auf dem höchsten Punkt. O-Ton Werner: „Kroatien ist die Mutter der Berge.“ Jeden Tag erwarten uns steile Anstiege und Abfahrten. Wir brauchen dringend eine Pause vom Berge erklimmen. Die nutzen wir und schippern mit dem Wassertaxi nach Dubrovnik.

Kroatien - Berge und Meer
Kroatien – Berge und Meer© ferienwohnungen.de

Auch am nächsten Tag bleiben die Räder stehen. Ob wir hier ein paar Inseln unter die Reifen nehmen können? Zwischen vielen verkehren in der Vorsaison nur Katamarane, und genau da liegt der Hase für uns Radreisende im Pfeffer. Der Kapitän entscheidet, ob Fahrräder an Bord dürfen. So manch ein Radreisender kam hier schon in arge Schwierigkeiten. Saß ein paar Tage fest, bis er endlich mitgenommen wurde oder kehrte zermürbt um.

Kroatien: Über den Dächern von Dubrovnik
Kroatien: Über den Dächern von Dubrovnik© ferienwohnungen.de

Wir entscheiden uns für die Insel Korčula, dort verkehren Autofähren. Natürlich erwartet uns als erstes ein langer Anstieg, dann eine rasante Abfahrt. Die Straße schlängelt sich zwischen steilen Felsen und dem Meer. Nur Dörfer mit kleinen Läden, die manchmal ziemlich ausgestorben wirken. Die Hektik der Touristenorte vermissen wir nicht. Auf dem einzigen Campingplatz stehen außer uns nur zwei Wohnmobile. Erst am Fährhafen geht es wieder geschäftiger zu.

Balkan: Fähre zur Insel Korčula
Fähre zur Insel Korčula© ferienwohnungen.de

Mit der Autofähre setzen wir zum Festland nach Split über. Wieder eine Großstadt voller Touristen. Doch es gibt einen Park, um der Hektik zu entfliehen. Mit botanischem Garten und herrlichen Ausblicken.

Blick vom Waldpark Marjan auf Split
Blick vom Waldpark Marjan auf Split© ferienwohnungen.de

Die Küste wird etwas flacher. Das erspart uns einige Tage viele Höhenmeter. Kurz vor Zadar bemerke ich den ersten ernstlichen Schaden an meinem Rad. An der hinteren Bremse ist die Feder gebrochen. Die Bremse bremst und bremst. Ich muss sie aushängen, um vorwärtszukommen. Und wieder so ein Glück, dass wir nach 10 km auf ebener Strecke in Zadar eine Fahrradwerkstatt finden. Es ist Freitagnachmittag und gleich Feierabend. Der nette Mechaniker bestellt uns für Samstag früh und in Nullkommanix ist der Schaden behoben. In den Bergen mit nur einer Bremse? Wir wären gestrandet.

Bremse defekt
Bremse defekt© ferienwohnungen.de

Nördlich von Zadar liegt die gut 58 km lange Insel Pag wie eine riesige Seeschlange vor der dalmatinischen Küste. So sieht dieses Eiland für uns aus, als wir die Küstenstraße unter die Breitreifen nehmen. Rechts von uns das Karstgebirge, links von uns die Adria mit der langgestreckten, kahlen Insel. Unter uns glatter Asphalt, über uns strahlend blauer Himmel.

Die Insel Pag vor dalmatinischer Küste
Die Insel Pag vor dalmatinischer Küste© ferienwohnungen.de

Gut gelaunt erklimmen wir die Anhöhen, genießen die Ausblicke und Abfahrten. Und dann taucht er auf, der perfekte Platz für unser Zelt, versteckt in den Büschen. Nur ein paar Schritte, und die Aussicht aufs Meer ist mal wieder magisch. Im Karstgebirge ist der Boden extrem steinig. Wir räumen die größten Klamotten beiseite und stellen unser Zelt und die Stühle auf. Essen, hören Musik, lesen, genießen den Ausblick.

Wilder Zeltplatz mit Fallwind
Wilder Zeltplatz mit Fallwind© ferienwohnungen.de

Bis uns abends ein Geräusch aufhorchen lässt. Wir kennen es von Mexiko, und es verheißt nichts Gutes. Wir befinden uns, wie auf Baja California, zwischen Bergen und Meer. Und dieses Geräusch ist der Wind, der von den Bergen schießt. Auch Fallwind genannt. Oder hier in Kroatien heißt es: Die Bora weht. Und die dreht mächtig auf. Sie ist nicht nur für Seefahrer und Wassersportler gefährlich. Auch besonders für Radler, die nicht den Wetterbericht checken und einfach an der Küste zelten …

Und dass die Bora wie aus dem Nichts plötzlich da ist, lesen wir nicht nur entsetzt im Internet – wir haben es gerade erlebt. 90 bis 100 Kilometer pro Stunde sagt die Wetter App für genau die Region, wo unsere Stoffhütte sich gerade entsetzlich schüttelt. Das Fauchen der Böen ist beängstigend. Der Sturm hebt selbst den Zeltboden an. Unser Zelt hat schon viele Stürme überlebt. Doch es ist inzwischen 8 Jahre alt. Ob das gut geht?

Um 3 Uhr schauen wir auf die Uhr. Geschlafen haben wir bisher nicht. Plötzlich kracht es. Unser Zelt geht in die Knie. Und bietet dem Sturm nicht mehr ganz so viel Angriffsfläche. Zwei Zeltstangen sind gebrochen. Das nasse Zelt liegt auf unseren Schlafsäcken, die nun auch nicht mehr trocken bleiben. Ist uns völlig egal, Hauptsache wir fliegen nicht weg. Irgendwann schlafen wir erschöpft ein. Wachen auf, als es hell ist und die Bora immer noch an uns rüttelt. Dass die Zeltplane nicht zerfetzt ist, grenzt an ein Wunder.

Zerknirscht stopfen wir das nasse Zeug in die Radtaschen. Wir müssen weg hier, uns in Sicherheit bringen und Lebensmittel kaufen. Leichter gesagt als getan. Viele Ortschaften gibt es nicht an der Küstenstraße, deshalb hält sich der Verkehr in Grenzen. Google Maps zeigt uns in 7 Kilometern eine Tankstelle. Wir schaffen es dorthin. Es ist eine klitzekleine Tanke, die außer Kraftstoff tatsächlich Getränke und ein paar Süßigkeiten anbietet. Der Tankwart ist nicht hilfsbereit.

Doch es hält ein freundlicher Taxifahrer, der unsere Notlage erkennt. Er selbst hat kein großes Fahrzeug, um unseren ganzen Kram zu befördern. Er fragt bei ein paar Kollegen an. Nach einer Stunde stoppt ein Großraumtaxi. Der Fahrer spricht sogar deutsch. Die Bora hat schon PKWs, Wohnmobile und Busse umgekippt, hören wir. Die Einheimischen haben höchsten Respekt vor diesem Wetterphänomen, das oft mehrere Tage anhält. Dann lassen wir uns gleich nach Rijeka bringen. Dort hat sich die Bora etwas beruhigt, es regnet nur noch.

Zwei Tage bleiben wir hier, haben die Pause dringend nötig und tauschen die gebrochenen Elemente der Zeltstangen aus. Und wir wissen: Kroatien ist großartig und hat sich gelohnt. Dass uns dieses schöne Land zum Schluss noch geschockt hat, daran sind wir nicht ganz unschuldig. Nie wieder werden wir uns auf den blauen Himmel verlassen. Wozu gibt es Wetterfrösche? Das Wetter für den nächsten Tag können sie ziemlich sicher voraussagen.

Kroatien: Rijeka
Kroatien: Rijeka© ferienwohnungen.de

Wir wollen Rijeka verlassen, und schon wieder stimmt etwas nicht mit meinem Rad. Es hört sich an wie ein Traktor. Ist es das Tretlager, oder die Kette? Es fährt sich zwar wie immer, aber so will ich nicht weiter. Ehe ich im Internet eine Radwerkstatt suchen kann, taucht eine auf. Wieder arbeiten hier kompetente Mechaniker, die sofort den Fehler finden: Die Kette ist hin. Kettenblatt und Ritzel eigentlich auch, sind aber nicht vorrätig. Ein neues Ritzel für die Rohloffschaltung haben wir dabei. Der Mechaniker beratschlagt sich mit seinem Kollegen. Sie versuchen es nur mit einer neuen Kette. Betonen aber, dass es ein Versuch ist. Der ist tatsächlich erfolgreich. Kein Geräusch mehr.

Slowenien

Wir rollen bald durch verwaiste Grenzanlagen und erreichen das Land Nr. 10: Slowenien. Als erstes schauen wir uns nach einem wilden Zeltplatz um und finden keinen. Fragen an einem Restaurant, ob es auch Zimmer gibt. Ja, aber heute geschlossen. Wir sollen in den nächsten Ort radeln, dort ist eine Pension. Und diese sieht so edel aus, dass wir am liebsten gleich den Rückzug antreten wollen.

Aber da ist schon der nette Mann, der längst unsere Absicht erkannt hat. „Ich habe was für euch. Ihr könnt hier gratis zelten.“ Wir trauen unseren Ohren kaum. Der Mann spricht akzentfrei Deutsch. In 7 anderen Sprachen kann er sich auch noch verständigen, erfahren wir später. Ihm gehören Pension, Restaurant, Campingplatz und Tennishalle.

Auf der Zeltwiese steckt er ein Schild mit der Aufschrift „Camping free“ für uns ins Gras.

Slowenien - Camping free
Slowenien – Camping free© ferienwohnungen.de

Wir müssen nur 10 Minuten warten, die Zeltwiese wird noch schnell gemäht. Später lädt es uns ins Restaurant auf einen Obstler ein und will unsere Geschichte hören. Er organisiert gemeinsame Radtouren durch die Berge. Jeden Donnerstag treffen sich Mountainbiker, drehen ihre Runden und zischen hier Radler oder Bier. Plötzlich kommen verschwitzte Radfahrer ins Restaurant. Es ist Donnerstag, hatten wir gar nicht auf dem Schirm. Erstaunlich, was dieser Mann, der acht Sprachen auf dem Schirm hat, hier aufgebaut hat und organisiert. Am nächsten Morgen können wir in der Pension frühstücken. Und nur hier bezahlen wir.

Slowenien - Camping free
Slowenien – Camping free© ferienwohnungen.de

1.600 Kilometer sind wir seit Athen durch den Balkan nach Norden geradelt. Doch auf dem Weg nach Hause zur Ostsee sind noch die Alpen im Weg. Au Backe, wie kommt man da am besten rüber? Mit Bahn, Bus oder Muskelkraft? Via Caudia Augusta, Alpe-Adria-Trail oder durch Slowenien? Wir haben uns noch nicht entschieden, liebe Leser. Und sind selbst gespannt auf unsere Entscheidung.

Eines wissen wir: Die Entscheidung, nicht in Italien, sondern durch den Balkan nach Norden zu radeln, war richtig. In Italien wären wir genau dort geradelt, wo die Flut Erdrutsche verursachte, Flüsse über die Ufer treten ließ und die Menschen in Angst und Schrecken versetzte. Drücken Sie uns die Daumen, liebe Leser, dass wir uns auch diesmal richtig entscheiden.

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2 Gedanken zu “Sabbatical im Sattel

  1. Hallo, ihr lieben Abenteurer, es war wieder ein Genuss euren Bericht zu lesen, ob Krimis spannender und aufregender sind, weiß ich nicht lese keine! Euern Tatsachenbericht lese ich dagegen mit großer Begeisterung!!!! Für den Rest der Tour weiterhin viel Spaß ohne krimiähnliche Erlebnisse, also Sturmfrei!! Liebe Grüße

    1. Hallo Anna, freut uns dass dich unser Bericht wieder begeistert. Wir müssen uns in diesem Jahr auf jeden Fall treffen.
      Gruß Karen und Werner

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