Blick auf Vernazza

Fünf Orte, fünf Welten

Wanderungen an der Cinque Terre in Italien

Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore heißen fünf bunte, verschachtelt gebaute kleine Fischerdörfer in Ligurien. Diese liegen aufgereiht wie Perlen an einem kurzen aber spektakulären Stück der ligurischen Küste, Cinque Terre genannt. Wie die Finger einer Hand gehören sie zusammen, und dennoch unterscheiden sie sich deutlich voneinander.

Lage der Cinque Terre in Italien
Lage der Cinque Terre in Italien© ferienwohnungen.de

An der Cinque Terre

Bei den eher badefreudig ambitionierten, traditionellen Touristen fällt die Wahl des Standorts vermutlich auf Monterosso. Sandstrand und Promenade sprechen allein schon für sich. Dass man von hier aus mit dem Auto schnell im benachbarten Levanto mit seinen Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants sein kann, das ist unbestritten ein großer Vorteil gegenüber den anderen Orten, die von der im Hinterland liegenden Querverbindung nur über kurvenreiche Stichstraßen erreichbar sind.

Cinque Terre: Monterosso al Mare Strandpromenade
Monterosso al Mare Strandpromenade© ferienwohnungen.de

Der motivierte Urlaubsfotograf reist am besten nach Vernazza. Die typisch bunten und mehrstöckigen Häuser drängen sich um eine kleine Piazza direkt am Hafenrund, und über allem thront die Wehrburg mit ihrem zylindrischen Burgturm. Charakteristischer als von den Pfaden rund um den Ort wird man die Cinque Terre wohl kaum fotografiert bekommen.
Ins hoch über dem Meer gelegene Corniglia kommt der stille Genießer, der den Aufstieg nicht gescheut hat. Vom Bahnhof aus führte eine lange und breite Treppe den Hang hinauf. Oben sitzt man dann in der intimen Atmosphäre kleiner Lokale, trifft sich mit den Einheimischen zum Espresso an der Piazza oder sitzt im Licht der untergehenden Sonne mit einem Glas Spumante in der Hand romantisch über der senkrecht ins Meer abfallenden Steilküste an der Stadtkante.

In allen fünf Dörfern tummeln sich die Häuser auf engstem Raum. Das kleine Manarola jedoch trägt diese kubistischen Züge am deutlichsten. Die Häuser kleben ineinander verschachtelt am Fels, nur ein schmaler Weg im Gestein führt zum Hafen, der zudem so klein ist, dass die Boote des Ortes nicht alle Platz finden. Sie werden an Land geparkt. Eine perfekte Kulisse also für plakative Malerei und sonstige künstlerische Ambitionen.

Wanderweg zwischen Manarola und Corniglia
Wanderweg zwischen Manarola und Corniglia© ferienwohnungen.de

Riomaggiore hingegen ist und bleibt wohl der Klassiker unter allen. Es ist der größte Ort der Cinque Terre. Die Hauptgasse führt steil bergab zum Hafen und bietet typische Souvenirläden und Restaurants. Ein Tunnel führt zum Bahnhof und zur berühmten Via dell’Amore, die, gut ausgebaut, selbst denen, die nicht gut zu Fuß sind, ein Gefühl für diese spezielle Landschaft schenken kann.

Hafen von Riomaggiore
Hafen von Riomaggiore© ferienwohnungen.de

Die Namen stehen auch für Etappenziele auf einem Wanderweg, der diese Region innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte in die Top Ten der weltweit beliebtesten Wanderreviere aufsteigen ließ. Ein einmaliges Landschaftsgemälde, das insbesondere vom Wasser aus gesehen beeindruckt und das sich auch zu einem der faszinierendsten und spektakulärsten Weinanbaugebieten der Welt zählen darf. Ein Landstrich, wie geschaffen fürs Pilgern. Von Porto Venere aus zu den fünf Dörfern, mit dem Motto: abends ankommen und morgens weiter.  Aber es geht auch anders.

Wir wählen als festen Standort Levanto. Das kleine Städtchen liegt, von Genua kommend, noch vor der Cinque Terre und bietet mit Geschäften, Restaurants und seiner Lage an der Bahnverbindung Genua-Livorno eine sehr gute Infrastruktur. Von hier aus können wir die Dörfer mit dem im Stundentakt verkehrenden Regionalzug erreichen. Und das sogar in Rekordgeschwindigkeit. Von Levanto bis La Spezia sind es knapp 15 Minuten Fahrzeit. Die Dörfer mit dem Auto zu erreichen ist hingegen richtig mühsam.

Für die Bahntrasse waren aufgrund der Steilküste etliche Tunnel vonnöten. Der jahrzehntelangen Planung einer Küstenstraße durch die Cinque Terre wurde 1980 glücklicherweise und endgültig eine Absage erteilt. Auch wenn sie die Erreichbarkeit der Orte erleichtert hätte, der Reiz dieses kleinen Fleckchens Erde wäre damit wohl für immer verloren gegangen. Somit ist und bleibt der Zug die einzige durchgehende Verbindung der Ortschaften am Meer. Und stellt ein perfektes Angebot dar für den Transfer zu den Wanderetappen.

In dem gebirgigen Küstenabschnitt existiert ein dichtmaschiges und uraltes Fußwegenetz, das sich weitschweifig über die Hänge spannt und die kleinen, schwer zugänglichen Dörfer am Meer immer schon miteinander verbunden hat. Auf diesen Wegen lernt man die Cinque Terre besonders intensiv kennen.

Wir stellen bald fest, dass neben den pittoresken Dörfern auch die landschaftliche Vielfalt auf engstem Raum das Wandern zum besonderen Erlebnis werden lässt. Buchenwald und Macchia ziehen sich ebenso die Steilhänge hinauf wie Wein- und Ölbaumterrassen, stets begleitet von Saumpfaden, die der Topografie des Geländes folgen.
Was das Werk vieler Generationen von Bauern ist, die den Steilhängen hinab zum Meer in mühevoller Arbeit eine Bewirtschaftung abrangen, lässt sich heute nur noch mit Hilfe von staatlichen Subventionen erhalten. Mit der Erklärung zum Nationalpark hat die Region im Jahr 2000 die Chance bekommen, ihre weitgehend noch intakte mediterrane und wohl einmalige Kulturlandschaft auch für die kommenden Generationen bewahren zu können. Als Teil des Weltkulturerbes untersteht die Cinque Terre sogar bereits seit 1997 dem Schutz der UNESCO.

Von Riomaggiore nach Monterosso

Wir haben beschlossen: mit der Sonne im Rücken wandert es sich am besten. Also starten wir unsere Wandertour im Osten, in Riomaggiore.
Laut Karte verläuft der erste Streckenabschnitt des Wanderweges auf der Via dell’Amore. Man sagt, dieser in die Felsen gehauene Küstenweg direkt am Steilufer sei entstanden, damit sich die Liebenden aus den beiden benachbarten Dörfern schneller erreichen konnten. Ein absolutes Highlight, dicht an der Wasserkante! So wäre man auch in zwanzig Minuten in der nächsten Bucht und damit in Manarola. Aber der Weg ist gesperrt, es bleibt also nur die uralte Verbindung über den Hügel.

Küstenlinie mit Blick von Riomaggiore bis Monterosso al Mare
Küstenlinie mit Blick von Riomaggiore bis Monterosso al Mare© ferienwohnungen.de

Direttissima (italienisch: „kürzeste Verbindung“) geht es den Weinberg hinauf, teils über halsbrecherische Stufen. Auf der Kuppe werden wir für die Mühe des Aufstiegs mit traumhaften Ausblicken auf die Küstenlinien vor und hinter uns reichlich entschädigt, bevor es ebenso zügig sofort wieder bergab geht nach Manarola. Wir durchqueren den Ort, opfern in Anbetracht des noch vor uns liegenden Wegstücks keine Zeit für eine Besichtigung und steigen erneut auf.

Durch die Weinberge zieht sich nun eine silberne Spur. Eine Zahnradbahn auf Stelzen führt in abenteuerlichen Kurven über die Rebstock Terrassen hinweg. Mit dem Trenino transportieren die Weinbauern ihre vollen Körbe bis zur höher gelegenen Straße, wo die Trauben dann auf kleine Lastautos umgeladen werden.

Dann ändert sich die Flora. Durch Olivenhaine geht es nun entspannter bergauf zum kleinen Weiler Volastra hoch über dem Meer und weiter erneut durch Weinplantagen auf schmalen Saumpfaden in Halbhöhenlage, mit traumhafter Sicht auf die Küstenlinie. Bald kommt Corniglia ins Blickfeld, das hoch über dem Meer auf einem Felsen thront. Zum Tagesausklang nehmen wir mit einem Glas Weißwein in der Hand auf der Mauerkante Platz und sitzen beim spektakulären Schauspiel des Sonnenuntergangs quasi in der ersten Reihe.

Am nächsten Morgen geht es von hier aus weiter. Nach dem langen Treppenweg vom Bahnhof hinauf in den Ort führt uns der Weg oberhalb der Küste in weiten Bögen nach Vernazza. Dort lässt es sich mittags gut einkehren am idyllischen Hafen im Ort, wo etliche Restaurants mit fangfrischem Fisch locken.

Der Hafen von Vernazza
Der Hafen von Vernazza© ferienwohnungen.de

Dann geht es wieder bergauf durch Weinfelder, mitunter bieten die Terrassen nur zwei bis drei Weinstöcken Platz. Auch hier finden wir den Trenino wieder. Bereits in der Antike wurde der Wein von hier geschätzt. Bei Ausgrabungen in Pompeji fand man Amphoren mit der Aufschrift Corniglia, was auf dieses Anbaugebiet schließen lässt. Dank des milden Mikroklimas der Region und der leichten nährstoffreichen Böden ergeben die Trauben einen qualitativ kostbaren trockenen Weißwein. Dieser hat es an die Spitze der italienischen Weine geschafft.

Wanderweg zwischen Manarola und Corniglia
Wanderweg zwischen Manarola und Corniglia© ferienwohnungen.de

Das Ziel Monterosso schon vor Augen führt der schmale Weg gut gesichert an der Steilküste entlang. Immer wieder begegnen uns Wanderer, die allein, zu zweit oder auch mit der ganzen Familie unterwegs sind. Auf diesem Streckenabschnitt ist eindeutig am meisten los. Es sind die unterschiedlichsten Nationalitäten unterwegs, mit Wanderschuhen bestens gerüstet oder abenteuerlich mit Sandalen.

Salve!, Buon giorno!, Hi!, oder Bon jour!
Monterosso als internationaler Badeort lässt grüßen. Er ist dank einer guten Anbindung ans Straßennetz und dem sichelförmigen breiten Sandstrand ein beliebter Urlaubsort. Beides ist einzigartig für die Cinque Terre. Und mit der Strandpromenade, dem so genannten lungomare, kommt fast das Flair einer Riviera auf.
Hoch über dem Ort liegt San Antonio, eine verfallene Kapelle, die über einen Stufenweg gut zu erreichen ist. Von dort aus ist Levanto in weiteren drei Stunden Fußmarsch zu erreichen.

Von Porto Venere nach Riomaggiore

Zum Abschluss unserer Reise geht es auf die schönste Etappe. Sie ist auch die längste und anstrengendste, und sie bedarf einer klugen Planung. Wir müssen mit dem Zug nach La Spezia fahren und dort mit der Fähre ins pittoreske Porto Venere übersetzen. Im Schatten einer mächtigen Festungsmauer führt der Weg dort direkt vom Hafen aus über vielen Stufen bergauf. Oben angekommen schweift unser Blick über den malerischen Ort mit seiner exponiert auf einem steilen Riff gelegenen Kirche und den vorgelagerten Inseln. Über den Golf von La Spezia reicht die Sicht bis zum Apennin und zu den Marmorbrüchen von Carrara.

Blick auf Porto Venere
Blick auf Porto Venere© ferienwohnungen.de

Hoch über dem Meer genießen wir völlige Einsamkeit. Mit fantastischen Aussichten von Felsplateaus aus fühlen wir uns inmitten der mediterranen Macchia und knöcherner Kiefern und Pinien in einer anderen Welt.
Später wird der Wanderweg eher alpin, feucht geht es durch hohe Gräser. Es folgen Terrassengärten, die mehr oder weniger genutzt erscheinen. Riomaggiore liegt noch tief unter uns als wir den Ort endlich entdecken.

Cinque Terre: Im Hafen von Riomaggiore
Im Hafen von Riomaggiore© ferienwohnungen.de

Auch wenn die Sonne sich nun bedenklich schnell dem Meer nähert, eine letzte Rast muss sein. Für den fantastischen Ausblick von der Wallfahrtskirche Madonna di Montenero, die oberhalb von Riomaggiore auf einer Wiesenterrasse liegt, scheint nämlich so mancher am Abend extra vom Dorf aus aufzusteigen.

Wir haben die Cinque Terre im Jahr 2015 besucht, vier Jahre nach einem verheerenden Unwetter mit äußerst zerstörerischer Kraft. Wir fanden, außer der immer noch gesperrten Via dell‘Amore, nichts mehr was auf diese Naturkatastrophe hinweist.

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