Zwischen Sand und Schlick

Zwischen Sand und Schlick

Vom Vadehavscentret und dem größten Nationalpark Dänemarks

Von Berlin in ein Dreihundert-Seelendorf hinterm Deich, mit Islandpferden, einer weißen Kalksteinkirche und dem Meer vor der Haustür. Keine überfüllten Straßen, nur frische Luft und das Kreischen der Möwen – ich mache ein FÖJ am dänischen Wattenmeer.

Mein Name ist Betty und ich komme ursprünglich aus Berlin. Seit August 2017 arbeite ich als Freiwillige im Vadehavscentret (Wattenmeerzentrum) im dänischen Vester Vedsted, siebenhundert Meter entfernt vom Deich und der dahinter liegenden Nordsee. Dass ich ein freiwilliges ökologisches Jahr (FÖJ) machen wollte, stand für mich schon lange fest. Seit mehr als 25 Jahren engagieren sich jährlich hunderte Jugendliche für Natur und Umwelt und erleben ein außergewöhnliches Jahr mit großartigen Erfahrungen, inmitten der Natur, die sie durch ihre Arbeit als Vermittler und Betreuer schützen.

Lage des Vadehavscentret an der dänischen Nordseeküste
Lage des Vadehavscentret an der dänischen Nordseeküste© ferienwohnungen.de

Meine Aufgaben im Vadehavscentret sind sehr vielseitig: So arbeite ich hauptsächlich als Wattführerin, aber auch an der Kasse und in unserem kleinen Café. Es ist großartig, fern ab einer großen Stadt, in eine unbekannte Welt einzutauchen. Vom Schlickgras in den Salzwiesen bis zu den großen Hochsänden, über Marschinseln und Muschelbänke – alles ist in ständiger Bewegung und Veränderung.

Führung durch das Wattenmeer
Führung durch das Wattenmeer© ferienwohnungen.de

Das Wattenmeer war für mich vor meinem FÖJ eine eher unbekannte Landschaft, nicht aber die weiten Heidelandschaften und Dünen Dänemarks. Ich fahre seit über zehn Jahren mit meiner Familie in den Ferien in dieses wunderschöne Land, bisher vor allem an die Küste von Westjütland. Südjütland betrachtete ich daher immer nur mit einem sehnsüchtigen Blick aus dem Autofenster, wenn wir auf dem Weg zurück nach Deutschland und in den alltäglichen Stress waren.

Mittlerweile weiß ich, dass es sich lohnt, einmal vom heimatlichen Kurs abzukommen und an der dänischen Wattenmeerküste zu stranden. Am besten ist es, sich ein paar Tage für die Region Zeit zu nehmen. Es gibt nicht nur leckeres Eis in der Altstadt von Ribe, der ältesten Stadt Dänemarks, sondern auch das Wikingerdorf bei Ribe zu entdecken. Und natürlich darf eine Wattwanderung nicht fehlen!

Das Wattenmeer erstreckt sich von den Niederlanden über die deutsche Bucht, bis an die Südwestküste Dänemarks, insgesamt 500 km. Damit ist es das größte zusammenhängende Gezeitengebiet weltweit und auch der größte Nationalpark Dänemarks. Es überwindet Ländergrenzen und ist Ausgangspunkt für eine trilaterale Kooperation der drei Küstenländer. Das ist auch einer der Gründe warum jährlich zwei “FÖJler“ nach Dänemark gehen.

2014 ist das dänische Wattenmeer, als letzter Teil des Wattenmeeres, zum UNESCO Weltnaturerbe ernannt worden. Es liegt nun auf Augenhöhe mit der Serengeti in Tansania oder dem Yellowstone Nationalpark in den USA. Grund genug, ein neues Wattenmeerzentrum in Dänemark, das Vadehavscentret, zu eröffnen. Nach zehn Jahren Planung und zwei Jahren Bau ist am 3. Februar 2017 ein Naturzentrum eröffnet worden, das Natur und Architektur auf modernste Weise miteinander vereint. Mit seinen Außenfronten aus Reet, dass aus der Gegend um den Ringkøbing Fjord stammt, scheint es förmlich aus dem Boden zu wachsen. Im Sommer kommen viele Gäste, aber auch Schulklassen und Studenten, um mit den Naturführern raus ins Watt zu gehen oder um über die einzigartige Architektur und Kunst zu sprechen. Das ist unser Glück, denn so gelangt das Wattenmeer in noch viel mehr Köpfe.

Das Vadehavscentret
Das Vadehavscentret© vadehavscentret.dk

Neben der Ausstellung “Das Wattenmeer der Zugvögel” gibt es noch zwei Naturschulen mit Mikroskopen, sowie einen Feuerplatz, auf welchem wir selbstgesammelte Muscheln zubereiten. Das Wattenmeer hat eben viele Delikatessen, nicht nur für die rund zwölf Millionen Zugvögel im Jahr, sondern auch für die Gourmets unter uns. Die Ausstellung informiert über die einzigartige Landschaft, die Gezeiten, Pflanzen und Tiere des Wattenmeeres. Licht und Ton schaffen eine ganz eigene Atmosphäre in den Räumen. Man kann gar nicht anders, als in die Welt von Wattwurm und Strandkrabbe einzutauchen und mit der Zeit versteht man, warum das Wattenmeer so faszinierend sein kann.

Ausstellungsraum im Vadehavscentret
Ausstellungsraum im Vadehavscentret© vadehavscentret.dk

Im Raum “Leben im Wattenmeer” können Schollen und Seesterne im Aquarium berührt werden, während um einen herum Alpenstrandläufer und Knutts durch den Meeresboden waten. Und wird der Drang nach salziger Luft und Sand auf der Haut zu groß, dann muss man einfach nach Draußen.

Das Wattenmeer im Winter
Das Wattenmeer im Winter© ferienwohnungen.de

Im letzten Jahr war ich jeden Tag mit unseren Naturführern im Nationalpark unterwegs und mittlerweile mache ich eigene Touren. Unter www.vadehavscentret.dk findet jeder Interessierte unseren Tourenkalender mit allen öffentlichen Touren. Von Seehunden, über Austernbänke, bis hin zur “Schwarzen Sonne“ , kann alles erlebt werden.
Von Mai bis August können außerdem noch individuelle Touren mit mir gemacht werden. Unter dem Motto “Spontan ins Watt” entdecken Besucher die kleine Marschinsel Mandø, laufen mit mir raus zu den Seehunden oder machen eine der obligatorischen Wattwanderungen mit Wattforke und Kescher. Bei Interesse schreibt mir einfach eine E- Mail oder ihr kommt ins Vadehavscentret und fragt an der Kasse.

Seehundbank im Wattenmeer
Seehundbank im Wattenmeer© ferienwohnungen.de

Ich habe mir immer vorgestellt, wie es wäre in Dänemark zu leben und zu arbeiten. Wenn ich heute abends auf dem Deich stehe, raus auf das Meer schaue, um mich herum das Blöcken der Schafe, dann kann ich mein Glück kaum fassen.

Sonnenuntergang im Wattenmeer bei Mandø
Sonnenuntergang im Wattenmeer bei Mandø© ferienwohnungen.de

Kein Tag gleicht dem anderen im Nationalpark. Die unbeständige Dynamik des Wattenmeeres verändert nicht nur die Landschaft, sondern macht auch bewusst, wie mittellos wir Menschen gegen die Gewalten der Natur doch sind. Sobald man auf der anderen Seite des Deiches den bloßen Meeresboden betritt, haben Flut und Ebbe das Sagen. Die völlige Nutzlosigkeit von Alltagsdingen wirkt befreiend und mit der Zeit öffnen sich Augen und Ohren für ganz neue Details. Über die unendliche Weite zum Horizont, kilometerlange Muschelbänke, bis hin zu millimeterkleinen Würmern und Krebsen unter den Füssen. Ein schöneres Gefühl gibt es nicht. Während über einem Möwen kreischen, schmeckt man die salzige Meeresluft auf der Zunge und erlebt einmal ein ganz anderes Dänemark – zwischen Sand und Schlick.

Fund im Wattenmeer
Fund im Wattenmeer© ferienwohnungen.de

Das Vadehavscentret liegt etwa zehn Kilometer von Ribe entfernt, in Vester Vedsted. Von der deutsch- dänischen Grenze ist es etwa eine Stunde Fahrt mit dem Auto. Geöffnet haben wir täglich von 10:00-17:00 Uhr, ab Oktober bis April täglich 10:00-16:00 Uhr.

Übrigens: “FÖJler“ werden kann jeder zwischen 16 und 26 Jahren. Bewerbungsschluss ist jährlich der 28. Februar. Mehr Informationen über das FÖJ am Wattenmeer gibt es im Internet.

Weiterführende Links

Der Urlaubär und Betty
Ich fand meinen Besuch bei Betty im Vadehavscentret einfach super! Die Führung von Betty war klasse! Seid Ihr auch schon dort gewesen?
Der Urlaubär und Betty

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