Landschaft mit Austernbecken, Le Tour du Parc

Kleine Fluchten ins Morbihan

Bretagne-Urlaub in Zeiten der Pandemie

Erst wollen wir nach Devon (Großbritannien), dann in die südfranzösische Provence. Beide Urlaube müssen wir leider stornieren, denn vor Reisen in Risikogebiete wird gewarnt.

Wir entscheiden uns schließlich für die Bretagne, genauer: für die Halbinsel Rhuys, die den Golf von Morbihan nach Süden zum Atlantik hin schützt. Das inselreiche Binnenmeer mit seinem milden Klima scheint uns in Zeiten der Pandemie der perfekte Ort: Was das Infektionsgeschehen betrifft, war die Bretagne bisher unproblematisch, die nächste „Zone Rouge“ liegt in Aquitanien.

Unser Domizil für zwei frühherbstliche Wochen befindet sich in Le Tour du Parc: zehn Gehminuten vom Ortskern und fünfzehn von den Betrieben der Austernzucht entfernt, die bedeutend ist und die lokalen Strände dominiert. Das zeigt bereits unser erster Gang zur Anlegestelle (Cale Pandenic), von wo aus man im Sommer auch nach Damgan (ein Paradies für Strandurlauber) übersetzt oder Rundfahrten durch den Golf macht.

Pen Cadenic, mit Blick auf den Rivière de Sarzeau, im Vordergrund: ein altes Austernbecken
Pen Cadenic, mit Blick auf den Rivière de Sarzeau, im Vordergrund: ein altes Austernbecken© ferienwohnungen.de

Später werden wir dorthin zurückkommen, um in einer dieser Degustationsstellen (meist einfache Bretterbuden mit ein paar Stühlen), frische Austern (und mehr) zu verkosten. Laurent Thomas („La Belle de Penerf“) hat um diese Jahreszeit nur noch am Wochenende geöffnet und auch das nur, „je nachdem, wie das Wetter ist“.

Slow Food bei „La Belle de Penerf“
Slow Food bei „La Belle de Penerf“© ferienwohnungen.de

Im Übrigen sind wir Selbstversorger und begeistert vom Angebot an Bio-Supermärkten verschiedener Formate sowie einem Supermarkt für regionale Produzenten im nahegelegenen Sarzeau.  Alternativen für die Bauernmärkte der Region, die wir diesmal meiden wollen, gibt es also genügend.

Wir finden rasch den „Fischer unseres Vertrauens“, dessen Frau täglich (!) auf dem Kirchplatz von Arzon den frischen Fang unter die Leute bringt. Am Tag vorher kann man Elodie kontaktieren und bei ihr bestellen, was gerade vom Boot gekommen ist: Knurrhähne, Makrelen, Schollen – alles aus lokalen Gewässern.

Ein toller Tipp vom örtlichen Gemüsehändler, den wir nach Salicorne fragen, diesem Kraut, das im Französischen nach einer anderen Welt klingt und an den Küsten des Atlantiks wächst: „Salicorne? Das pflücken Sie am besten selbst“, und er sagt auch gleich, wo:  eingangs von „Le Passage“ bei Saint-Armel.

Morbihan - Le Passage mit Blick auf die Ile Quistinic
Le Passage mit Blick auf die Ile Quistinic© ferienwohnungen.de
Meeresspargel an der Passage
Meeresspargel an der Passage© ferienwohnungen.de

Das wird sofort in die Tat umgesetzt, denn die Ernte von „Meeresspargel“ oder „Queller“, wie man das salzige Grün im Deutschen nennt, lässt sich bestens mit einem ausgedehnten Rundgang und einer Erkundung der nahgelegenen Salinenkulturen verbinden (eine Lizenz braucht man nicht, sofern man für den Eigenbedarf pflückt).

Karte Golf von Morbihan
Karte Golf von Morbihan© ferienwohnungen.de

Überhaupt steht in diesem Urlaub am Golf von Morbihan die Natur im Vordergrund, und es sind diese kleinen Fluchten in die amphibischen Landschaften des Golfs, die diesen Urlaub so besonders machen. Die Presqu’ile de Rhuys ist bestens ausgestattet mit markierten Wanderwegen und einem guten Radwegenetz, die Touristeninformation verschickt entsprechendes Material per Post.

Der neue Fokus auf die Natur birgt zahlreiche Überraschungen, wie die im Oktober noch blühende (!) maritime Heide auf der Landzunge bei Brillac.

Morbihan - Späte Heide bei Brillac
Späte Heide bei Brillac© ferienwohnungen.de

Oder den von Besuchern zu Unrecht ignorierten Weg um das Château de Suscinio herum, ein Wiederaufbau aus dem 20. Jahrhundert mit Event-Charakter.

Château de Suscinio
Château de Suscinio© ferienwohnungen.de

In unmittelbarer Nähe zum Schloss erregt ein viel kleineres Haus unsere Aufmerksamkeit: eine dieser für die Bretagne so typischen Biscuiterien. Wäre sie geöffnet, die Versuchung könnte nicht größer sein, die berühmten Butterplätzchen zu probieren. So bleibt uns nur ein Bild und das Versprechen, wiederzukommen.

Biscuiterie de Suscinio
Biscuiterie de Suscinio© ferienwohnungen.de

Wenig erfolgreich ist auch ein Ausflug zum Château Plessis-Josso. Das ehemalige Rittergut in der Nähe von Theix befindet sich in Privatbesitz befindet und ist, wenn überhaupt, nur nach Anmeldung zu besichtigen. Das scheint unserem Reiseführer entgangen zu sein, wie auch der Zauber der Fortresse de Largoët bei Elven: ein stiller, magischer Ort, an dem wir bisweilen ganz allein sind. Vielleicht auch, weil das Wetter nicht wirklich dazu einlädt: immer wieder fällt dieser leichte, feine Nieselregen, den wir irgendwann mit dem Synonym „bretonisch-trocken“ belegen.

Forteresse de Largoët
Forteresse de Largoët© ferienwohnungen.de

An das ständige An- und Ausziehen der Regenjacken auf unseren Wegen durchs Morbihan gewöhnen wir uns schnell – wer nur blauen Himmel will, fährt besser woandershin. Wir sehen in dem ständigen Wechsel von Sonne, Wind und Regen (bei Temperaturen um 18 Grad) eher eine Bereicherung, vor allem auf den beiden größten Inseln des Golfs, der Ile aux Moines und der Ile d’Arz. Immer neue Lichtspiele unterstreichen die ohnehin starken Kontraste der Mönchsinsel, deren raue wie exotische Landschaft einem großen botanischen Garten gleicht.

Morbihan - Ile aux Moines, Grand Plage
Ile aux Moines, Grand Plage© ferienwohnungen.de
Morbihan - Ile aux Moines, im Ortskern von Kergantelec
Ile aux Moines, im Ortskern von Kergantelec© ferienwohnungen.de

Das Licht am Golf von Morbihan ist was für Foto-Fans, die auch auf der weniger spektakulären und deshalb weniger touristischen Nachbarinsel auf ihre Kosten kommen. Mit einem Besuch der Ile d’Arz ist man zugleich nah am Alltag der Inselbewohner. Das Hauptdorf der Insel besteht im Wesentlichen aus ein paar Häusern, einer Kirche, einem Restaurant und einem Sparmarkt. Als wir durch die Gassen laufen, haben wir fast den Eindruck, ein Idyll zu stören. Postkartenmotive wie das geheimnisumwobene Wrack nahe der Gezeitenmühle (Titelbild) finden sich auch hier.

Schiffswrack auf der Ile d’Arz
Schiffswrack auf der Ile d’Arz© ferienwohnungen.de

Stadt- und Marktbesuche stehen, wie gesagt, diesmal nicht auf unserer „To-do-List“, allerdings mit je einer Ausnahme: Vannes und Questembert. Im Morbihan zu sein, ohne einen Blick ins mittelalterliche Zentrum der Hauptstadt des Departements geworfen zu haben, hätten wir uns nie verziehen.

Die Tücken der Anfahrt nur am Rande: unser Navigationssystem ist mit den städtebaulichen Maßnahmen komplett überfordert, so dass wir irgendwann nur noch den Umleitungsschildern folgen. Nahe der Stadtmauer finden wir einen Parkplatz und auch gleich das erste Schild: „Masque Obligatoire“. Ich weiß nicht, ob es an der Maskenpflicht liegt, am Wetter oder am Montag (an dem traditionell viele Geschäfte geschlossen sind) – die Atmosphäre in der nicht unbelebten Altstadt befremdet:  Durch die Gassen kriecht eine gespenstische Stille, Passanten huschen stumm an uns vorbei … Vielleicht liegt es daran, dass gerade die Chansonsängerin und Schauspielerin Juliette Gréco gestorben ist, dass ich beinahe erwarte, auf eine Replik ihrer berühmten Filmfigur „Belphegor“ zu treffen …

Morbihan: In den Gassen von Vannes
In den Gassen von Vannes© ferienwohnungen.de

In Questembert, 15 Autominuten östlich von Vannes, wollen wir zum Marché. Die mittelalterliche Markthalle von Questembert ist nicht nur an Markttagen sehenswert. Im Vergleich zu ähnlichen Orten (wie Richelieu an der Loire oder Buchy in der Normandie) ist deren Holzkonstruktion viel höher und bietet ein Raumerlebnis besonderer Art.

Haben wir gehofft, auf das übliche Markttreiben zu treffen? Auf Gedränge und Geschrei? Offen gesagt, ich weiß es nicht. Sicherlich aber haben wir nicht mit diesem bisher ungekannt disziplinierten Marktgeschehen gerechnet: (fast) alle bemühen sich um Abstand und darum, den üblichen Corona-Spielregeln zu folgen.

Morbihan - Der Markt von Questembert und seine Coronaregeln
Der Markt von Questembert und seine Coronaregeln© ferienwohnungen.de

Man spürt beinahe physisch, dass den Menschen der lange, nationale Lockdown von März bis Mai dieses Jahres nachhaltig in den Knochen steckt.

Wir kaufen die üblichen Leckereien, hausgemachte Pastete, Ziegenfrischkäse usw., würden aber gern sehen, wie der Markt von Questembert wirklich ist – in einem Urlaub nach der Pandemie.

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