Blick von der Monbijou-Brücke, rechts: Bode-Museum

24 Stunden Berlin

Ein Kurztrip in die Hauptstadt im Herbst

Es gibt Einladungen, die sind so reizvoll wie ambivalent: 24 Stunden Berlin, mit Übernachtung, ein Hotelzimmer sei bereits reserviert, die Zugfahrt müsse ich selbst buchen. Die Begeisterung hält sich in Grenzen: nicht jeder ist verrückt auf Berlin. Schon gar nicht, seit der Post-Wende-Hype, der die Hauptstadt eine Zeitlang zum Magneten für internationale Künstler, Intellektuelle und „StartUpper“ machte, Zeitungsberichten zufolge auf Normalmaß geschrumpft ist. Auch fehlt in meiner DNA das Gen, das die positive Wahrnehmung des Bahnfahrens ermöglicht. Egal. Neugier und Reiselust schieben sämtliche Bedenken beiseite.

Einmal in Berlin angekommen, ist die Anreise ohne W-LAN und Bordrestaurant („aufgrund technischer Probleme“) schnell vergessen. Meinhard von Gerkans Hauptbahnhof ist für Kulturreisende bereits ein Hauptact zum Thema „Neue Architektur“. Über das Gebäude, seine Geschichte(n), seine Baumeister und deren Zerwürfnisse wurde hinreichend geschrieben. Viel Glas, viel Stahl – ein Flaggschiff im „urban design“. Seltener liest man vom „urban noise“, der damit einhergeht: eine Stadt unter Glas und ohne Lärmschutz.

Nur eine S-Bahn-Haltestelle entfernt liegt mein Hotel, in unmittelbarer Nähe zur Spree und perfekt für die fußläufige Erkundung des einstigen historischen Zentrums Berlins.

24 Stunden Berlin - Die Spree am S-Bahnhof Friedrichstraße
Die Spree am S-Bahnhof Friedrichstraße© ferienwohnungen.de

Die im frühen 19. Jahrhundert angelegte Albrechtstraße ist eine Mischung aus Geschichte und hipper Stadtkultur: der amerikanische Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King machte hier 1964 Station und verurteilte öffentlich die „trennenden Mauern der Feindschaft“. Tom Tykwer drehte in der Albrechtstraße seinen Erfolgsfilm „Lola rennt“ (1998). Cafés, Restaurants und kleine Geschäfte wechseln sich ab mit Praxen von Medizinern und Rechtsanwälten. Ich sehe das Türschild eines Instituts für „Kindercoaching“. Ist das Berlinerisch für „Erziehung“? Die Frage lässt sich vorerst nicht klären, und ich schlendere weiter den Schiffbauerdamm entlang.

In der zwischen Berliner Ensemble und Spree gelegenen Brasserie Ganymed, einer gastronomischen Institution mit DDR-Geschichte, bekommt man den Mittagstisch bis nachmittags um vier Uhr drinnen und draußen serviert. Letzteres in der noch warmen Oktobersonne – ein unerwarteter Bonus. Die Karte überzeugt, die Preise sind erstaunlich moderat.

Mein nächstes Ziel ist die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße, wo ich kurz nach der Wende das letzte Mal war. Auf dem Weg liegt das Café Orange, das auch damals schon existierte – und es scheint, als sei die Zeit hier stehengeblieben.

Café Orange: Zeitreise in Wandbildern
Café Orange: Zeitreise in Wandbildern© ferienwohnungen.de

Der freundliche Empfang kommt ohne die allenthalben verbreitete Schnodderigkeit aus, was viel zu oft angelerntes Lokalkolorit und durchaus verzichtbar ist. Ich kehre ein und denke, hier kann ich auch in zehn Jahren wieder hin, und es wird sich nichts verändert haben …

Im Lokal kommt die Erinnerung an die Neue Synagoge zur Zeit der Restaurierung fast als Flashback: außen leuchtet der neue Davidstern bereits golden, das Innere ist Baustelle (und riecht entsprechend), die Oranienburger Straße ein Straßenstrich. Eine Atmosphäre zwischen Verfall und Aufbruch. Nach heutigem Augenschein hat sich – jedenfalls tagsüber – vieles verändert, die Straße lädt ein zum Bummeln entlang historischer Bauten und Grünflächen. Die Synagoge selbst verzeichnen internationale Reise- und Architekturführer als eines der sehenswertesten Baudenkmale der Stadt. Das Museum des Centrum Judaicum mit seiner Dauerausstellung und zusätzlich wechselnden Themen zählt längst zum festen touristischen Programm eines Berlinbesuchs.

Neue Synagoge, Oranienburger Straße
Neue Synagoge, Oranienburger Straße© ferienwohnungen.de

Die Verlängerung der Oranienburger Straße führt zu den Hackeschen Höfen, die der Urlaubär schon an anderer Stelle entdeckt hat. Die vielfach verschachtelten Hinterhöfe sind typisch für Berlin und gehören zum unverwechselbaren Gesicht der Stadt. Dass Historiker sie erst vor kurzem als Forschungsthema entdeckt haben, mag man kaum glauben.

Heckmann-Höfe, im Hintergrund die Kuppel der Neuen Synagoge
Heckmann-Höfe, im Hintergrund die Kuppel der Neuen Synagoge© ferienwohnungen.de

Jeder dieser Höfe schreibt kapitelweise Stadtgeschichte, jeder Blick hinter die Kulissen lohnt. Nicht jeder Hof kann mit großen Namen aufwarten, wohl aber mit individueller Atmosphäre, viel Grün, plätschernden Brunnen und Kunst. Kinos, Theater, aber auch Kindergärten, Boutiquen und Gastronomie für jeden Geschmack haben sich in den alten Bauensembles niedergelassen. Manche, wie die Heckmannhöfe, haben sogar eigene Websites, auf denen sie sich wort- und bildreich präsentieren.

Heckmann-Höfe: Durchgang, poetisch
Heckmann-Höfe: Durchgang, poetisch© ferienwohnungen.de

Die Neue Synagoge, Hackesche- und Heckmann-Höfe sind Teil der Spandauer Vorstadt. Das einzige weitgehend geschlossen erhaltene historische Berliner Stadtviertel, wie es Stadthistoriker Wolfgang Feyerabend formuliert, bietet Sehenswertes für mehrere Tage. Es ist nicht nur dieses Nebeneinander von Szene- und Kiezkultur, das beeindruckt. Straße für Straße entfalten sich hier und im angrenzenden ehemaligen Scheunenviertel drei Jahrhunderte (überzeugend restaurierte) Bau- und Architekturgeschichte, wie auch die Vielfalt und Ambivalenz deutsch-jüdischer Geschichte. Mit mehr Zeit wäre ein Besuch im Anne-Frank-Zentrum einzuplanen, ein Gedanke, der durch den Blick auf ein Straßenschild unterbrochen wird: Ich bin in der Großen Hamburger Straße, wo sich der älteste Begräbnisort der Juden Berlins befindet

In die südliche Friedhofsmauer eingelassene Grabsteine
In die südliche Friedhofsmauer eingelassene Grabsteine© ferienwohnungen.de

– und damit auch das Grab Moses Mendelssohns, des großen Philosophen und Aufklärers.

Mendelssohns Grabstein ist doppelseitig beschriftet: deutsch und hebräisch
Mendelssohns Grabstein ist doppelseitig beschriftet: deutsch und hebräisch© ferienwohnungen.de

Am offenen Tor des Friedhofs steht eine Touristengruppe. Warum geht niemand hinein? Stadtoasen wie diese lassen einen für einen Moment abtauchen in andere Welten und Zeiten. Bänke laden zum Verweilen ein, mit Blick auf die Sophienkirche und ihren (einzig in Berlin erhaltenen) barocken Turm. Zur Rückkehr ins Jetzt biegt man, vom Friedhof aus rechts um die Ecke in die Sophienstraße. Im Selma-Stern-Zentrum für jüdische Studien treffen deutsch-jüdische und europäisch-jüdische Geschichte, Gegenwart und Zukunft aufeinander.

Am nächsten Morgen: Geschäfte und Cafés sind noch geschlossen, es ist die Zeit der Straßenkehrer. Eine alte Frau sitzt strickend auf einer Bank an der Spree, ein Jogger läuft in entspanntem Rhythmus an mir vorbei, Passanten sind kaum unterwegs.

Berlin in 24 Stunden - Laubengang am Schiffbauerdamm
Laubengang am Schiffbauerdamm© ferienwohnungen.de

Berlin in 24 Stunden?

Das beinahe impressionistische Bild des Flusses und seiner Ufer mischt sich mit dem unbestimmten Gefühl, dass 24 Stunden Berlin viel zu kurz sind und doch lang genug, um in Umrissen einen mehr als dekorativen Bildausschnitt der historischen Mitte Berlins zu zeichnen.

Weiterführende Links

Der Urlaubär
Was würdet Ihr in 24 Stunden in Berlin unternehmen?
Der Urlaubär

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